May 23, 2025
20:00
Konzert 8: System Shock: Kompopolex - Salzwasser, Atem und zwei Weltpremieren 
Pumpe - Roter SalonTickets
Eintritt Frei

mit dem Kompopolex-Ensemble: Aleksandra Gołaj (Perkussion), Rafał Łuc (Akkordeon) und Jacek Sotomski (Computer)

Programm:

Mauro Hertig: Adoptionen (Uraufführung)
Jacek Sotomski: System Shock (Uraufführung)
Rafał Ryterski:
Breathe
Jorge Sanchez-Chiong:
Salt Water
Simon Løffler:
b

Das Projekt ist ko-finanziert durch das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe der Republic Polen im Rahmen des Programms "Comissions“ - der Priorität „Kompositionsaufträge“, die vom Nationalen Institut für Musik und Tanz umgesetzt wird.

Mauro Hertigs Werk Adoptionen besteht aus einer Ansammlung von Mini-Stücken, die dem Trio Kompopolex gewissermaßen zur Adoption freigegeben werden. In Vorbereitung auf das Frequenz__ Festival 2025 wurden diese ein Jahr lang gespielt, gepflegt, erzogen, umsorgt. Dabei gab es regelmäßige Rücksprache mit dem Komponisten, der Anweisungen und Tipps zum Unterhalt der Mini-Stücke abgeben konnte. Es wurden in monatlichen Abständen Aufnahmen gemacht, um die Entwicklung der Stücke zu verfolgen und zu dokumentieren.

Auf diese Weise werden die Mini-Stücke mithilfe des Kompopolex-Trios miteinander verbunden. Auch auf die Aufnahmen und Dokumentationen wird dabei zurückgegriffen, die im Verlauf des Jahres entstanden sind. Diese Form der Werkgenese ist in der Vorstellung des Komponisten nicht nur ästhetisch, als Werk, das die Abhängigkeit seiner eigenen Entstehung von Komponisten und Interpreten gleichermaßen thematisiert und diese Entwicklung im Werk reflektiert, sondern auch gesellschaftlich relevante Ansätze erprobt. Die Adoptionen werden in Kiel uraufgeführt und danach sowohl im Rahmen der WRO Media Art Biennale 2025 in Wrocław, als auch beim MINU Festival in Kopenhagen aufgeführt.

Das Jahr 2020 war ein außergewöhnliches, ja bahnbrechendes Jahr für die moderne Geschichte. Und es geht dabei nicht nur um die Pandemie, sondern auch um die sozialen Veränderungen, die weltweit stattfanden – von der Black Lives Matter-Bewegung, über Bidens Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen, bis hin zu den allgegenwärtigen Protesten in Polen zu wichtigen (und oft strittigen) sozialen Themen. All dies lässt sich auf einzelne Nenner und Verben herunterbrechen. Einer davon, der von Rafał Ryterski als Ausgangspunkt für sein Werk gewählt wurde, ist der Atem – seine Präsenz im öffentlichen Raum, in der Gemeinschaft, die Individualität und das mögliche Fehlen davon, verursacht durch den Willen eines anderen Menschen.

Breathe ist ein Werk, das von der politischen und sozialen Situation inspiriert wurde, in der sich die Menschen während der Pandemie befanden. Es ist ein Stück über Gewalt, die von Regierungen und zivilen Diensten gegen die Bürger weltweit ausgeübt wurde. Beginnend mit den Morden an Breonna Taylor, George Floyd, Ahmaud Arbery, Tony McDade, Dion Johnson, über den Hass gegen Menschen asiatischer Herkunft (wegen des Coronavirus), bis hin zum polnischen Hass gegenüber der LGBTQ+-Gemeinschaft und der Entscheidung des Verfassungsgerichts, die Frauen ihrer grundlegenden Rechte zu berauben, über ihren eigenen Körper zu entscheiden, was Hunderttausende von Menschen zwang, ihre Gesundheit und ihr Leben zu riskieren, indem sie ihre Ansichten während des Lockdowns äußerten. Breathe ist ein Schrei, der die Situation der Bürger im Angesicht der Methoden der Machtausübung durch die Regierenden darstellt. Es ist ein Widerstand gegen die Gewalt, die wir durch die Hände derer erfahren, die uns eigentlich beschützen sollten.

Das Werk b von Simon Løffler ist eine faszinierende Erkundung des Körpers als musikalisches Instrument. In diesem Stück verschmelzen die Musiker zu einem einzigen, kohärenten Organismus, in dem jede Bewegung, jedes zarte Berühren und jede feine Interaktion zum klanglichen Erlebnis wird. Durch die einfachsten Bewegungen – mit den Händen berühren sich die Musiker, um statische Elektrizität hörbar zu machen, und mit den Füßen aktivieren sie über nicht angeschlossene Gitarrenpedale verschiedene Feedback-Muster – entsteht ein komplexes, intimes Zusammenspiel aus Klang und Körperlichkeit.

Løfflers b fordert die Wahrnehmung des Zuhörers heraus, indem es die feinen Nuancen und die physische Präsenz der Musik in den Vordergrund stellt. Ein Stück, das sowohl die physische als auch die akustische Dimension der Musik neu definiert.

In System Shock entfaltet Jacek Sotomski eine klangliche Reise, die tief in die Welt digitaler Codes und unverständlicher Datenströme eintaucht. Das Trio wird zu einer Entität, die mit der Zerbrechlichkeit und Komplexität moderner Systeme spielt. Die kryptischen Zahlen- und Zeichencodes, die das Werk durchziehen, sind nicht nur abstrakte Zeichen, sondern tragen die Essenz eines globalen digitalen Chaos, das sowohl Struktur als auch Zerstörung in sich trägt.

Mit einer Mischung aus präzise kalkulierten, algorithmischen Mustern und impulsiven, fast chaotischen Klanggebilden, fordert System Shock das Publikum heraus, sich in einer Welt aus ständiger Überflutung und Entgrenzung von Sinn und Bedeutung zu orientieren. Ein Werk, das Technologie, Wahrnehmung und Klang auf eine faszinierende Weise miteinander verbindet und ein intensives, nahezu physisches Hörerlebnis schafft.

In Salt Water lässt Jorge Sanchez-Chiong drei DJ-Stimmen aus der Plattenkiste heraufbeschwören; mit Cuts und Scratches bearbeitete Echos aus einer Vergangenheit, die noch nachhallen und Teil der Textur der Musik werden, die dasEnsemble zusammen mit ihnen erzeugt. Ebenso wichtig für diese Textur sind die Schlagzeugrhythmen, die live den akustischen "Klebstoff" produzieren, welcher fast jedes DJ-Set zusammenhält: die Beats. Sie zitieren ausgiebig aus dem Repertoire an Rhythmen, das jeder Turntabler zur Verfügung hat, oft aus einer fernen Vergangenheit.